Ja, Du kannst das!

Text: Carla Schubert

Seit knapp sechs Jahren treffe ich mich einmal im Monat mit sieben weiteren Frauen zum Mütter-Council. Im Council geht es darum, einander zuzuhören. Jede Frau teilt an diesen Abenden jeweils das mit, was ihr Herz bewegt, berührt, beengt. Die anderen Frauen hören zu, und anders als im Leben sonst folgen dann keine Ratschläge, es wird selten gewertet. Für mich sind diese Jahre des Council eine Schule der Empathie, des wertfreien Zuhörens, des Respekts.

Seit etwa eineinhalb Jahren haben wir Frauen auch zwischen unseren Treffen Kontakt – in unserer Whatsapp-Gruppe. Das ist oft lustig, oft frei von der Leber. Manchmal schreibt eine Frau, dass sie gerade mit etwas grosse Mühe hat oder teilt einfach mit, was bei ihr gerade los ist. So auch geschehen auch vor ein paar Tagen.

Es ist Donnerstagabend, 18 Uhr. Frau C. schreibt, ihre Kleine habe Angina, trotzdem bringe sie das Mädchen nun zum Papa.

Ich: «Der macht das auch gut. Vertrauen haben, Schatz.»

Frau C.: «Danke, ich weiss. Stichwort Verantwortung abgeben: In Bezug auf die Kids habe ich einfach Mühe damit.»

Ich: «Das verstehe ich so gut! Mein Bub hat sich gerade auf das Velo geschwungen – bei Dunkelheit und Nässe – weil ich vergessen habe, Milch zu kaufen. Ohne Milch kein Milchreis. Und jetzt mache ich fast in die Hose vor Angst. Aber ich muss ihm vertrauen – er will und kann das.» Ein paar Sekunden später füge ich hinzu: «Und eine Tüte für die Milch hat er auch nicht dabei. Wo tut er nur die Milch hin? Ans Lenkrad? Scheisse.»

Frau C.: «Mir ginge es gleich! Aber meist dann, wenn man sich so Sorgen macht, läuft alles gut.»

Frau V. schaltet sich ein: «Er nimmt eine Tüte in der Migros. Es regnet gerade nicht mehr. Ich war eben auch mit dem Velo unterwegs. Es wird gut gehen.»

Ich: «Hm.»

Frau V. schickt ein Bild von zwei Einkaufstüten, mit dem Vermerk: «War alles auf dem Velo.»

Ich: «Am Lenkrad?»

Frau V.: «Nein sicher nicht! Im Korb und den beiden Packtaschen. Hat Dein Bub keinen Gepäckträger?»

Ich: «Nein…ist uncool.»

Zwei Minuten später schreibe ich: «Die Velolichter blinken den Hügel hinauf!»

Frau C schickt Smileys.

Ich: «Mein täglich Adrenalin gib mir heute!»

Frau C.: «My Word!»

Ich: «Danke für die Unterstützung in der inneren Not!»

Frau C.: «Ist er einhändig gefahren, mit der Milchtüte unterm Arm?»

Frau V.: «Immerhin hat er Licht.»

Ich: «Die Milch war am Lenkrad… Dafür hat er zwei Bio-Milch gekauft mit zu wenig Geld. Der Mann an der Kasse hat ihm 50 Rappen geschenkt.»

Frau S. schaltet sich ein: «So super, unsere Kinder!»

Frau V.: «Yes, so schön!»

Ich: «Ich schmuse Euch alle gerade fest ab!»

Frau S.: «Dein Bub ist toll. Und der 50-Rappen-schenk-ich-Dir-Mann ebenso!»

Es ist mittlerweile 18.25 Uhr. Von den wegfahrenden bis zu den wiederkehrenden Blinklichtern am Fahrrad meines Neunjährigen waren 15 Minuten vergangen. An diesem Donnerstagabend dauerten diese 15 Minuten lange. Ich stand die ganze Zeit am Fenster, sah den Buben den Hügel hinunter fahren, starrte in die Dunkelheit.

Der virtuelle Dialog zwischen uns Frauen hatte mit einem Ratschlag begonnen: «Vertrauen haben!» Der gut gemeinte Tipp kam von mir. Von mir? Ich, die zwar im Kopf meinem Kind das Vertrauen aussprechen wollte, im Herzen aber nicht dazu bereit war? Genau! Denn genau so ist das mit Ratschlägen: Wir wissen oft besser, was andere tun sollten. Weil wir dann emotional distanzierter sind, nicht in deren Haut stecken, mit deren Unsicherheiten nicht umgehen müssen. Ich habe in diesen 25 Minuten Whatsapp-Dialog mit meinen Vertrauens-Frauen viel gelernt. Ich habe mich getragen gefühlt, unterstützt. Ich danke Euch, liebe Frauen.

Und ich danke Dir, mein Junge. Dafür, dass Du Dich durchgesetzt hast, diese Milch kaufen zu wollen, weil Du nicht bereit warst auf Deinen geliebten Milchreis zu verzichten. Und dafür, dass Du schon bevor Du mit dem Rad losgefahren bist, gesagt hast: «Mama, ich kann das!» Ich sage Dir jetzt von und mit meinem Herzen: «Ja, Du kannst das!»

Denken, anregen, austauschen, inspirieren und inspirieren lassen, Elternsein teilen

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