Der Mann, der es anders machen wollte

Text: Carla Schubert

Peter ist im Zürich der 1940er-Jahre geboren. Sein Vater ist streng, hart, anspruchsvoll. Die Mutter steht stets kontrollierend an Peters Seite, ist nicht loyal. Vom Erstgeborenen verlangen die Eltern viel. Der will aber seinen eigenen Weg gehen, eckt an. Dann wird Peter selbst Vater und schwört sich: «Ich werde es anders machen.» Die Befreiung aus den familiären Fesseln wird Jahrzehnte dauern.

Peter ist gross, weisses Haar, weisser Bart, sanfte Stimme. Seine Geschichte beginnt in Zürich, Anfang der 1940er-Jahre. Peter ist das älteste von drei Kindern.

Die Mutter Hausfrau, der Vater Elektroakustiker – ein Pionier auf seinem Gebiet. Er beeinflusst zu Hause die Stimmung: ein zweifelnder Egozentriker, der nach seinem eigenen Rhythmus lebt. Frau und Kinder müssen sich anpassen.

Der Geplagte plagt selber

«Ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater», erzählt Peter mit ruhiger Stimme an seinem Esstisch. «Ich hatte aufbegehrt, nicht Kleinbei gegeben. Er war nicht zimperlich, schlug schnell zu. Ich hatte grosse Angst vor ihm.» Warum diese Strenge?

«Mein Vater war – ohne zu übertreiben – auf seinem Fach ein Genie. Er war ein Erfinder. In der Elektroakustik leistete er Grandioses.»

Geschäftlich schafft der Vater den Durchbruch nie. Ihm fehlt das Talent, sich zu vermarkten. Das nährt seine Selbstzweifel. Denn schon sein Vater prophezeite ihm: «Aus dir wird nie etwas Rechtes!» Er wird zum Gehetzten, ist fahrig, bestraft sich und seine Familie mit Härte.

«Mein Vater war so oft mit sich selbst beschäftigt. Ich hatte einen wahnsinnigen Hass auf seine strenge Art. Die Nähe zu ihm hat mir gefehlt.» Peter verstummt, in Gedanken ist er Jahrzehnte weit weg. Eine Schwere füllt das Wohnzimmer. Stille.

Auch in der Mutter findet Peter keine Unterstützerin, auch sie schlägt zu. Ihre Omnipräsenz, die stete Kontrolle – das ist Peter eine Last. Ein Entrinnen gibt es nicht.

Besonders schmerzhaft sind für Peter die Vertrauensbrüche: «Lief zu Hause etwas schief, verriet mich die Mutter an den Vater. Zu ihrer Kritik folgte dann zeitversetzt auch noch seine Kritik.» Ein hin und her zwischen Vertrauen und Misstrauen, Nähe und Distanz.

Kein Platz für andere

Die 1960er-Jahre: Peter ist 22 Jahre alt. Er heiratet und wird selbst Vater. «Ich habe mir Sorgen gemacht. Mir war klar: Die Strenge meines Vaters, diese Prägung, das trage ich weiter. Das wird Einfluss auf die Erziehung meines eigenen Kindes haben. Ich schwor mir: So wie mein Vater zu mir war, werde ich nicht zu meinem Sohn sein.»

Es wird Jahre dauern, bis Peter sich aus den familiären Fesseln befreit haben wird. Vorher jagt ein Schicksalsschlag den andern, wirft Peter aus der Bahn.

Die Ehe scheitert, der Vater stirbt, ein Jahr später auch der jüngere Bruder. Peter steckt in einer Krise. In dieser Zeit ist kein Platz für andere. Der Kontakt zu seinem Buben wird lose. Diese Pausen dauern manchmal fast zwei Jahre.

Die Schwere der Erinnerungen entweicht Peter als tiefer Seufzer. «In der Zeit, als mein Sohn klein war, habe ich natürlich vieles verpasst.»

Die Begegnung auf Augenhöhe

15 Jahre vergehen, es ist Ende der 1980er-Jahre. Peters Sohn ist Teenager. Dessen berufliche Zukunft ist das zentrale Thema der Familie. Peters Ex-Frau bezieht ihn in diesen Prozess ein, bittet um Rat – und Unterstützung. Peter hängt wieder ein. Vater und Sohn lernen sich neu kennen.

«Ich war neugierig auf ihn. Es interessierte mich, was er macht, was er sich wünscht, mit wem er sich trifft.» Peter erzählt dem Jungen auch von der schweren Zeit, den Zweifeln und Ängsten. Eine Bindung zwischen Vater und Sohn entsteht. Auch der Sohn öffnet sich.

Er vertraut sich seinem Vater an. Der Sohn ist unsicher, lässt sich stark von seinem Umfeld beeinflussen – hat Mühe seinen eigenen Weg zu finden. Peter merkt bald, sein Sohn muss sich emanzipieren, für sich einstehen.

Hier wendet sich die Geschichte: In den 1960er-Jahren eckt der Sohn beim Vater an, weil er seine eigenen Ziele verfolgt. Zwanzig Jahre später ist der Sohn Vater, und bestärkt den jungen Erwachsenen aufzubegehren.

Seither sind die beiden regelmässig in Kontakt. «Wir reden viel, tauschen aus. Wir suchen nach Erklärungen für Probleme. Ich bemühe mich auch heute noch um eine Begegnung auf Augenhöhe. Das ist mir besonders wichtig.»

Ein Gedanke zu “Der Mann, der es anders machen wollte

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