«Was das Lernen angeht, sind Schulstrukturen unwichtig»

Text: Carla Schubert

Im September bin ich mit einer Freundin nach Rapperswil-Jona gereist. Der Anlass: Das Referat «Kindgerechte Schule – Erkenntnisse aus der Hattie-Studie mit 250 Millionen Kindern» von Remo Largo (Kinderarzt und Buchautor) mit anschliessender Podiumsdiskussion.

Zur Hattie-Studie: John Hattie ist Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne.

Für seine Studie hat der Bildungsforscher den gesamten Wissensstand weltweit (in englischer Sprache) zu den Bedingungen schulischer Leistungen analysiert. Konkret hat er sich mit 50’000 Studien mit über 250 Millionen beteiligten Kindern beschäftigt. Aus diesen Daten extrahierte er 138 Faktoren, die den Lernerfolg beeinflussen. Daraus zieht er Schlüsse, wie der Unterricht an den Schulen heute gestaltet werden sollte. Das Ganze beschreibt Hattie auch für Nicht-Wissenschaftler in dem Buch «Visible Learning» (Lernen sichtbar machen).

In einem Interview mit «Der Zeit» sagte Hattie im Januar 2013: «Wir diskutieren leidenschaftlich über die äusseren Strukturen von Schule und Unterricht. Sie rangieren aber ganz unten in der Tabelle und sind, was das Lernen angeht, unwichtig.»

Was beeinflusst den Lernerfolg?

Laut Hattie ist die Beziehung der Kinder untereinander der wichtigste Faktor für Lernerfolg. Dieser Faktor alleine macht 50 Prozent aus. Zweitwichtigster Faktor sind Lehrerinnen und Lehrer (30 Prozent). Die restlichen 20 Prozent setzen sich aus der Familie, den Peers, der Schule und der Schulleitung zusammen.

Was Eltern tun können – dazu fordert Largo auf – ist, eine starke Beziehung zur Lehrperson aufzubauen. Je besser diese Eltern-Lehrer-Beziehung ist, desto besser lernen die Kinder, so Largo.

«Noten bringen gar nichts»

Largos Vortrag war spannend, angeregt. Bewundernswert wie viel Leidenschaft er noch immer für das Wohlergehen unserer Kinder aufbringt. Die Podiumsdiskussion nach dem Referat hat mich allerdings wenig inspiriert. Visionen wurden keine entwickelt. Über das wie kindgerechte Schulen heute aussehen könnten oder sollten, wurde nicht gesprochen.

Die Diskussionsrunde setzte sich aus folgenden Personen zusammen: Esther Girsberger (Publizistin und Mutter), Erwin Beck (Rektor Pädagogische Hochschule St. Gallen), Manfred Pfiffner (Erziehungswissenschafter), René Barth (Schulleiter der Oberstufe Weiden), Thomas Rüegg (Schulpräsident Rapperswil-Jona) und Remo Largo.

Die Eigeninteressen der verschiedenen Gruppen scheinen unüberwindbar zu sein. Da stehen sich Eltern, Lehrer, Schulen, Politiker und die Wirtschaft gegenüber. Zudem ist keine dieser Gruppe einer Meinung. Aus diesem Grund fordert Largo übrigens dezidiert: «Freie Schulwahl für alle.»

Doch auch hier blockt die Diskussion total ab. Das Thema Privatschulen lässt die Podiumsteilnehmer verstummen, erstarren. Warum die Angst vor Privatschulen so gross ist, kann ich mir nicht schlüssig erklären.

Die Diskussion drehte sich lange um Largos Aussage am Ende seines Referats («Noten bringen gar nichts»). Dazu sagte Erwin Beck (PH SG): Noten führten zu falschen Vergleichen. Es müsste der eigene Fortschritt gemessen werden und nicht sein Wissen und Können mit den anderen Kindern verglichen werden. Kinder müssten erfahren können, wo sie sich verbessern könnten.

Toll, dem stimme ich voll zu! Das macht Hoffnung. Oder doch nicht? Immerhin ist Beck Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Beck macht die Hoffnungen aber gleich wieder zunichte: An der PH SG habe man für eine gewisse Zeit auf Noten verzichtet, berichtet er. Was dabei herauskam? Die frisch gebackenen Lehrpersonen hatten Schwierigkeiten einen Job zu finden! Das war den Schulen zu wenig transparent. Also führte man die Noten wieder ein.

Niemand will Noten – alle wollen Noten

Esther Girsberger fand, Kinder wollten sehr wohl benotet werden und damit wissen, wo sie stünden.

Es meldeten sich auch Lehrerinnen und Eltern aus dem Publikum zu Wort. Eine Lehrperson sagte, die Eltern forderten Noten. Der Schulpräsident von Rapperswil-Jona sagte, auch die Politik (gewisse Parteien) forderten Noten.

Ein Noten-Ping-Pong-Spiel sondergleichen. Das Fazit zum Schluss der Diskussion: Niemand will Noten – alle wollen Noten.

Persönlich denke ich, Noten sind in der Oberstufe angebracht. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich es nicht anders kenne. Ich sehe aber keinen Sinn darin, Kinder in der Primarschule mit Zahlen zu bewerten. Ich bin gespannt, wie unser Zweitklässler zu Beginn des kommenden Jahres auf seine ersten Noten reagieren wird. Was werden ihm diese Noten sagen? Werden sie ihn belohnen, motivieren, belasten oder ihm schlicht egal sein? Und: Wie werden wir Eltern auf diese Noten reagieren?

Nun freue mich auf die Lektüre von «Lernen sichtbar machen«. Übrigens: Largos «Schülerjahre» ist auch absolut empfehlenswert.

2 Gedanken zu “«Was das Lernen angeht, sind Schulstrukturen unwichtig»

  1. Danke für den Bericht – unglaublich wie diese Diskussion seit Jahren stagniert…-
    Zu den Noten (damit auch ich dazu noch etwas gesagt habe…): ich finde es auch noch wichtig, welches Gewicht sie haben – ob sie, wie so oft beschrieben, zur individuellen Rückmeldung dienen (ich finde, dazu taugen sie nicht besonders, nur schon wegen der intransparenten Bezugsnormen… individuell? Gruppe? Idealnorm??) oder ob vor allem zur Selektion eingesetzt werden. Ich halte die Selektion und den mit ihr verbundenen Druck für das eigentlich Unmenschliche und Lernbehindernde.
    Ein Detail, das mich doch stört: Wieso steht bei Frau Girsberger (als einziger Frau in der Runde) dass sie Mutter ist, bei den männlichen Gesprächsteilnehmern gibt es aber keine Angabe zur Elternschaft?? Weil die alle irgendwie Präsidenten von irgendwas oder Wissenschaftler sind, Frau Girsberger aber „nur“ Publizistin?

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    1. Danke für Dein Feedback, Karin! Nun ja, mit den Noten bin ich noch unerfahren, was sie genau bewerten werden (persönliche Einschätzung, Bewertung innerhalb der Gruppe). Anfang Jahr werde ich schlauer sein. Wegen EG; Stimmt, das hätte ich genauer beschreiben sollen. Sie hatte die Rolle der Mutter in der Diskussionsrunde Ich finde es auch schade, dass da mehrere „Experten“ und eine Mutter sassen.

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