Ja, Du kannst das!

Text: Carla Schubert

Seit knapp sechs Jahren treffe ich mich einmal im Monat mit sieben weiteren Frauen zum Mütter-Council. Im Council geht es darum, einander zuzuhören. Jede Frau teilt an diesen Abenden jeweils das mit, was ihr Herz bewegt, berührt, beengt. Die anderen Frauen hören zu, und anders als im Leben sonst folgen dann keine Ratschläge, es wird selten gewertet. Für mich sind diese Jahre des Council eine Schule der Empathie, des wertfreien Zuhörens, des Respekts.

Seit etwa eineinhalb Jahren haben wir Frauen auch zwischen unseren Treffen Kontakt – in unserer Whatsapp-Gruppe. Das ist oft lustig, oft frei von der Leber. Manchmal schreibt eine Frau, dass sie gerade mit etwas grosse Mühe hat oder teilt einfach mit, was bei ihr gerade los ist. So auch geschehen auch vor ein paar Tagen.

Es ist Donnerstagabend, 18 Uhr. Frau C. schreibt, ihre Kleine habe Angina, trotzdem bringe sie das Mädchen nun zum Papa.

Ich: «Der macht das auch gut. Vertrauen haben, Schatz.»

Frau C.: «Danke, ich weiss. Stichwort Verantwortung abgeben: In Bezug auf die Kids habe ich einfach Mühe damit.»

Ich: «Das verstehe ich so gut! Mein Bub hat sich gerade auf das Velo geschwungen – bei Dunkelheit und Nässe – weil ich vergessen habe, Milch zu kaufen. Ohne Milch kein Milchreis. Und jetzt mache ich fast in die Hose vor Angst. Aber ich muss ihm vertrauen – er will und kann das.» Ein paar Sekunden später füge ich hinzu: «Und eine Tüte für die Milch hat er auch nicht dabei. Wo tut er nur die Milch hin? Ans Lenkrad? Scheisse.»

Frau C.: «Mir ginge es gleich! Aber meist dann, wenn man sich so Sorgen macht, läuft alles gut.»

Frau V. schaltet sich ein: «Er nimmt eine Tüte in der Migros. Es regnet gerade nicht mehr. Ich war eben auch mit dem Velo unterwegs. Es wird gut gehen.»

Ich: «Hm.»

Frau V. schickt ein Bild von zwei Einkaufstüten, mit dem Vermerk: «War alles auf dem Velo.»

Ich: «Am Lenkrad?»

Frau V.: «Nein sicher nicht! Im Korb und den beiden Packtaschen. Hat Dein Bub keinen Gepäckträger?»

Ich: «Nein…ist uncool.»

Zwei Minuten später schreibe ich: «Die Velolichter blinken den Hügel hinauf!»

Frau C schickt Smileys.

Ich: «Mein täglich Adrenalin gib mir heute!»

Frau C.: «My Word!»

Ich: «Danke für die Unterstützung in der inneren Not!»

Frau C.: «Ist er einhändig gefahren, mit der Milchtüte unterm Arm?»

Frau V.: «Immerhin hat er Licht.»

Ich: «Die Milch war am Lenkrad… Dafür hat er zwei Bio-Milch gekauft mit zu wenig Geld. Der Mann an der Kasse hat ihm 50 Rappen geschenkt.»

Frau S. schaltet sich ein: «So super, unsere Kinder!»

Frau V.: «Yes, so schön!»

Ich: «Ich schmuse Euch alle gerade fest ab!»

Frau S.: «Dein Bub ist toll. Und der 50-Rappen-schenk-ich-Dir-Mann ebenso!»

Es ist mittlerweile 18.25 Uhr. Von den wegfahrenden bis zu den wiederkehrenden Blinklichtern am Fahrrad meines Neunjährigen waren 15 Minuten vergangen. An diesem Donnerstagabend dauerten diese 15 Minuten lange. Ich stand die ganze Zeit am Fenster, sah den Buben den Hügel hinunter fahren, starrte in die Dunkelheit.

Der virtuelle Dialog zwischen uns Frauen hatte mit einem Ratschlag begonnen: «Vertrauen haben!» Der gut gemeinte Tipp kam von mir. Von mir? Ich, die zwar im Kopf meinem Kind das Vertrauen aussprechen wollte, im Herzen aber nicht dazu bereit war? Genau! Denn genau so ist das mit Ratschlägen: Wir wissen oft besser, was andere tun sollten. Weil wir dann emotional distanzierter sind, nicht in deren Haut stecken, mit deren Unsicherheiten nicht umgehen müssen. Ich habe in diesen 25 Minuten Whatsapp-Dialog mit meinen Vertrauens-Frauen viel gelernt. Ich habe mich getragen gefühlt, unterstützt. Ich danke Euch, liebe Frauen.

Und ich danke Dir, mein Junge. Dafür, dass Du Dich durchgesetzt hast, diese Milch kaufen zu wollen, weil Du nicht bereit warst auf Deinen geliebten Milchreis zu verzichten. Und dafür, dass Du schon bevor Du mit dem Rad losgefahren bist, gesagt hast: «Mama, ich kann das!» Ich sage Dir jetzt von und mit meinem Herzen: «Ja, Du kannst das!»

Muriel will nicht wegziehen

Steht ein Umzug mit Schulwechsel an, brauchen Kinder vor allem ein offenes Ohr, Zeit und Verständnis. Zum Thema habe ich für das Elternmagazin Fritz+Fränzi einen Artikel geschrieben: «Muriel will nicht wegziehen». Dazu kommt ein Interview mit dem Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Zürich. Er sagt: «Ein Umzug kann sich auch negativ auf die schulische Leistung auswirken.»

Den ganzen Text gibt es hier:

muriel-will-nicht-wegziehen

Was ist los mit unseren Buben?

Endlich geht die Schule los! Viele Kinder starten mit Neugierde und Wissensdurst in die Schule – auch die Buben. Trotzdem verlieren viele Jungs über kurz oder lang die Lust am Lernen, am Schulbetrieb. Liegt das an den Jungs – oder müssen sich Eltern, Lehrer oder die Gesellschaft Gedanken darüber machen?

Zu diesem Thema habe ich für das Elternmagazin Fritz+Fränzi einen Artikel geschrieben: Buben brauchen mehr Gelassenheit. Zum Artikel geht es hier: buben-brauchen-mehr-gelassenheit

Auch der Erziehungswissenschafter Jürgen Oelkers geht im Interview dem Phänomen «Buben gleich Störenfriede» auf den Grund. Hier geht es zum Gespräch: «Mit Ritalin werden Kinder an die Schule angepasst – das ist fatal». Hier geht es zum Interview: mit-ritalin-kinder-anpassen

 

 

mit-ritalin-kinder-anpassen 

Der Mann, der es anders machen wollte

Text: Carla Schubert

Peter ist im Zürich der 1940er-Jahre geboren. Sein Vater ist streng, hart, anspruchsvoll. Die Mutter steht stets kontrollierend an Peters Seite, ist nicht loyal. Vom Erstgeborenen verlangen die Eltern viel. Der will aber seinen eigenen Weg gehen, eckt an. Dann wird Peter selbst Vater und schwört sich: «Ich werde es anders machen.» Die Befreiung aus den familiären Fesseln wird Jahrzehnte dauern.

Peter ist gross, weisses Haar, weisser Bart, sanfte Stimme. Seine Geschichte beginnt in Zürich, Anfang der 1940er-Jahre. Peter ist das älteste von drei Kindern.

Die Mutter Hausfrau, der Vater Elektroakustiker – ein Pionier auf seinem Gebiet. Er beeinflusst zu Hause die Stimmung: ein zweifelnder Egozentriker, der nach seinem eigenen Rhythmus lebt. Frau und Kinder müssen sich anpassen.

Der Geplagte plagt selber

«Ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater», erzählt Peter mit ruhiger Stimme an seinem Esstisch. «Ich hatte aufbegehrt, nicht Kleinbei gegeben. Er war nicht zimperlich, schlug schnell zu. Ich hatte grosse Angst vor ihm.» Warum diese Strenge?

«Mein Vater war – ohne zu übertreiben – auf seinem Fach ein Genie. Er war ein Erfinder. In der Elektroakustik leistete er Grandioses.»

Geschäftlich schafft der Vater den Durchbruch nie. Ihm fehlt das Talent, sich zu vermarkten. Das nährt seine Selbstzweifel. Denn schon sein Vater prophezeite ihm: «Aus dir wird nie etwas Rechtes!» Er wird zum Gehetzten, ist fahrig, bestraft sich und seine Familie mit Härte.

«Mein Vater war so oft mit sich selbst beschäftigt. Ich hatte einen wahnsinnigen Hass auf seine strenge Art. Die Nähe zu ihm hat mir gefehlt.» Peter verstummt, in Gedanken ist er Jahrzehnte weit weg. Eine Schwere füllt das Wohnzimmer. Stille.

Auch in der Mutter findet Peter keine Unterstützerin, auch sie schlägt zu. Ihre Omnipräsenz, die stete Kontrolle – das ist Peter eine Last. Ein Entrinnen gibt es nicht.

Besonders schmerzhaft sind für Peter die Vertrauensbrüche: «Lief zu Hause etwas schief, verriet mich die Mutter an den Vater. Zu ihrer Kritik folgte dann zeitversetzt auch noch seine Kritik.» Ein hin und her zwischen Vertrauen und Misstrauen, Nähe und Distanz.

Kein Platz für andere

Die 1960er-Jahre: Peter ist 22 Jahre alt. Er heiratet und wird selbst Vater. «Ich habe mir Sorgen gemacht. Mir war klar: Die Strenge meines Vaters, diese Prägung, das trage ich weiter. Das wird Einfluss auf die Erziehung meines eigenen Kindes haben. Ich schwor mir: So wie mein Vater zu mir war, werde ich nicht zu meinem Sohn sein.»

Es wird Jahre dauern, bis Peter sich aus den familiären Fesseln befreit haben wird. Vorher jagt ein Schicksalsschlag den andern, wirft Peter aus der Bahn.

Die Ehe scheitert, der Vater stirbt, ein Jahr später auch der jüngere Bruder. Peter steckt in einer Krise. In dieser Zeit ist kein Platz für andere. Der Kontakt zu seinem Buben wird lose. Diese Pausen dauern manchmal fast zwei Jahre.

Die Schwere der Erinnerungen entweicht Peter als tiefer Seufzer. «In der Zeit, als mein Sohn klein war, habe ich natürlich vieles verpasst.»

Die Begegnung auf Augenhöhe

15 Jahre vergehen, es ist Ende der 1980er-Jahre. Peters Sohn ist Teenager. Dessen berufliche Zukunft ist das zentrale Thema der Familie. Peters Ex-Frau bezieht ihn in diesen Prozess ein, bittet um Rat – und Unterstützung. Peter hängt wieder ein. Vater und Sohn lernen sich neu kennen.

«Ich war neugierig auf ihn. Es interessierte mich, was er macht, was er sich wünscht, mit wem er sich trifft.» Peter erzählt dem Jungen auch von der schweren Zeit, den Zweifeln und Ängsten. Eine Bindung zwischen Vater und Sohn entsteht. Auch der Sohn öffnet sich.

Er vertraut sich seinem Vater an. Der Sohn ist unsicher, lässt sich stark von seinem Umfeld beeinflussen – hat Mühe seinen eigenen Weg zu finden. Peter merkt bald, sein Sohn muss sich emanzipieren, für sich einstehen.

Hier wendet sich die Geschichte: In den 1960er-Jahren eckt der Sohn beim Vater an, weil er seine eigenen Ziele verfolgt. Zwanzig Jahre später ist der Sohn Vater, und bestärkt den jungen Erwachsenen aufzubegehren.

Seither sind die beiden regelmässig in Kontakt. «Wir reden viel, tauschen aus. Wir suchen nach Erklärungen für Probleme. Ich bemühe mich auch heute noch um eine Begegnung auf Augenhöhe. Das ist mir besonders wichtig.»

Dort, wo ich sein will

Eine Aufgabe nach einer Weiterbildung: Eine Wort-Collage erstellen und über diese Erfahrung einen Text schreiben.

Text: Carla Schubert

Carla Schubert Collage

Dort, wo ich sein will

Blättern, suchen, ausschneiden. Und: Fragen beantworten. «Mama, was machst du da?» Erklärung. «Warum hast du dieses Wort ausgeschnitten?» Erklärung. «Was heisst B-e-r-u-h-i-g-u-n-g-s-t-r-o-p-f-e-n?» Erklärung. «Und B-i-o-t-o-p?» Schnaufen. Erklärung. Und: «Bitte mal zehn Minuten nichts fragen. Bitte.»

Es ist Sonntag. Wie jede Woche wird der Küchentisch dann zum Familientreffpunkt: zum Arbeitsplatz, zur Leseecke, zum Spielplatz. Das ist schön – manchmal. Dann, wenn keine Aufgabe ansteht, keine Pendenz abgearbeitet werden muss.

Heute ist einer dieser anstrengenden Tage: Ich muss Wörter suchen, ausschneiden, denken. Mich auf einen Impuls einlassen, mitgehen, eintauchen und weiterziehen. Das ist schwierig, mit Frage-Unterbrüchen im Zweiminutentakt.

Konzentration, Fokussierung – das ist Luxus. Immer wieder aus dem Gedanken herausgerissen zu werden, tut weh. An der Schmerzgrenze angekommen, erlöst mich der Mann. Er verschwindet mit dem Siebenjährigen ins Schwimmbad.

Ruhe, endlich Ruhe! Einen dritten Kaffee. Einen Artikel lesen, bevor ich ihn seziere. Ich höre die Uhr ticken. Ich suche weitere Wörter und Satzzeichen. Schneide aus, lege aus den Schnipseln einen Text.

Es ist so ruhig. Der Kleine und der Grosse amüsieren sich jetzt im Wasser, hüpfen vom Sprungbrett, lachen, spüren ihren Körper. Plötzlich weiss ich wieder, was wahrer Luxus wäre: die beiden um mich zu haben.

«Die allermeisten Menschen würden im Rückblick (auf ihre Kindheit) doch sagen: Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.»

Hartmut Rosa, Soziologie-Professor, Uni Jena
(zitiert aus dem Artikel «Liebe Marie», von Henning Sussebach, Die Zeit)

Mütter, Väter – ihr seid toll!

Text: Carla Schubert

Eltern stehen unter Beobachtung. Immer wieder erscheinen in Zeitungen und Blogs Artikel darüber, was Mütter und Väter alles falsch machen. Wird ein Beispiel einer schlechten Mutter, eines schlechten Vaters veröffentlicht, folgen garantiert Abhandlungen über Verfehlungen heutiger Eltern. Dabei wird sehr oft verallgemeinert und schlecht gemacht. Gerne werden solche Ergüsse später auch von Lesern kommentiert. Anonym lässt es sich eben härter drauf hauen.

Ich erlebe Eltern ganz anders. Sie sind alle unterschiedlich, haben teilweise ganz andere Regeln, als wir sie haben. Sie haben andere Lebenskonzepte, andere Werte, sehen gewisse Dinge weniger eng, andere wiederum viel enger. Es ist bereichernd da Einblick zu haben, sich damit auseinanderzusetzen, zu diskutieren.

Deshalb will ich hier Müttern und Vätern ein Kränzchen winden und damit zeigen, wie mutig und engagiert ich viele von Euch finde.

Zu den Müttern: Euch erlebe ich in persönlichen Gesprächen. Ihr teilt mit mir Sorgen, Nöte, Verzweiflung, Freuden, Humor, Kreativität. Immer wieder und oft. Ihr Mütter seid immer da, wenn ich Euch brauche, habt offene Ohren und vor allem: viel Empathie, ohne zu werten. Dafür: Vielen herzlichen Dank.

Und dann sind da auch viele Väter, die mich begleiten. Nicht physisch, wie die Mütter, sondern virtuell. Es sind Väterblogger: Männer, die sich engagieren, ihre Gedanken teilen, zu Diskussionen aufrufen, um Anteilnahme und Auseinandersetzung bitten.

Da gibt es Väter, die über die Alltagssorgen bloggen. Sie machen sich Gedanken und geben ihre Erfahrungen und Tipps weiter. So etwa papa-online, der Vater, der einfach ein guter Vater sein will. Und beispielsweise seine Strategie für das Alleinverdienersein teilt.

Oder Väter, die keine mehr sind: Väter, der erlebt haben, dass ihre Kinder nicht ihre sind. Kuckuckskinder. Und damit die Väter zu Kuckucksvätern geworden sind.

Oder Papalapapi, der online teilt, was ihn berührt, bewegt oder ärgert. Den das gesellschaftliche und persönliche Thema der Vaterschaft und der Familie beschäftigt.

Da ist auch der Vaterberater. Auch er will einfach ein guter Vater sein und feilt daran. So hat er sich als Väterbegleiter weitergebildet und begleitet werdende und junge Väter nun im Abenteuer Vatersein.

Oder der Väterblog, der sich mit der gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Väter, Vaterschaft und Männlichkeit auseinandersetzt und zum Mitdiskutieren einlädt. Noch bin ich gerade erst am Anfang dieser virtuellen Vielfalt angekommen. Es gibt noch viel zu entdecken.

Und deshalb nochmals: Mütter, Väter – ich finde Euch toll! Vielen Dank für Euer Engagement!

«Als wir noch Wolken-Fangen gespielt haben»

Text: Carla Schubert
Aus unserem Familienleben: Es ist Abend, ich liege neben unserem Siebenjährigen. Er: «Mama, weisst du noch, als wir im Himmel Wolken-Fangen gespielt haben?» Ich: «War ich im Himmel auch schon deine Mama?» Er: «Nein, sicher nicht! Du warst ein Kind wie ich. Wir waren beide dort und haben Wolken-Fangen gespielt, sind von Wolke zu Wolken gehüpft. Irgendwann bist du dann auf die Erde runter zu deiner Mama gegangen. Du bist ja viel älter als ich. Ich musste sehr weinen. Als du dann erwachsen warst, hast du gesagt, jetzt möchte ich ein Kind. Ich habe im Himmel sofort gesagt: dort gehe ich hin! Dann hat mich mein Schutzengel über den Fluss getragen. Ich bin noch die Regenbogen-Rutschbahn runter gerutscht und direkt bei dir gelandet.»

«Was das Lernen angeht, sind Schulstrukturen unwichtig»

Text: Carla Schubert

Im September bin ich mit einer Freundin nach Rapperswil-Jona gereist. Der Anlass: Das Referat «Kindgerechte Schule – Erkenntnisse aus der Hattie-Studie mit 250 Millionen Kindern» von Remo Largo (Kinderarzt und Buchautor) mit anschliessender Podiumsdiskussion.

Zur Hattie-Studie: John Hattie ist Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne.

Für seine Studie hat der Bildungsforscher den gesamten Wissensstand weltweit (in englischer Sprache) zu den Bedingungen schulischer Leistungen analysiert. Konkret hat er sich mit 50’000 Studien mit über 250 Millionen beteiligten Kindern beschäftigt. Aus diesen Daten extrahierte er 138 Faktoren, die den Lernerfolg beeinflussen. Daraus zieht er Schlüsse, wie der Unterricht an den Schulen heute gestaltet werden sollte. Das Ganze beschreibt Hattie auch für Nicht-Wissenschaftler in dem Buch «Visible Learning» (Lernen sichtbar machen).

In einem Interview mit «Der Zeit» sagte Hattie im Januar 2013: «Wir diskutieren leidenschaftlich über die äusseren Strukturen von Schule und Unterricht. Sie rangieren aber ganz unten in der Tabelle und sind, was das Lernen angeht, unwichtig.»

Was beeinflusst den Lernerfolg?

Laut Hattie ist die Beziehung der Kinder untereinander der wichtigste Faktor für Lernerfolg. Dieser Faktor alleine macht 50 Prozent aus. Zweitwichtigster Faktor sind Lehrerinnen und Lehrer (30 Prozent). Die restlichen 20 Prozent setzen sich aus der Familie, den Peers, der Schule und der Schulleitung zusammen.

Was Eltern tun können – dazu fordert Largo auf – ist, eine starke Beziehung zur Lehrperson aufzubauen. Je besser diese Eltern-Lehrer-Beziehung ist, desto besser lernen die Kinder, so Largo.

«Noten bringen gar nichts»

Largos Vortrag war spannend, angeregt. Bewundernswert wie viel Leidenschaft er noch immer für das Wohlergehen unserer Kinder aufbringt. Die Podiumsdiskussion nach dem Referat hat mich allerdings wenig inspiriert. Visionen wurden keine entwickelt. Über das wie kindgerechte Schulen heute aussehen könnten oder sollten, wurde nicht gesprochen.

Die Diskussionsrunde setzte sich aus folgenden Personen zusammen: Esther Girsberger (Publizistin und Mutter), Erwin Beck (Rektor Pädagogische Hochschule St. Gallen), Manfred Pfiffner (Erziehungswissenschafter), René Barth (Schulleiter der Oberstufe Weiden), Thomas Rüegg (Schulpräsident Rapperswil-Jona) und Remo Largo.

Die Eigeninteressen der verschiedenen Gruppen scheinen unüberwindbar zu sein. Da stehen sich Eltern, Lehrer, Schulen, Politiker und die Wirtschaft gegenüber. Zudem ist keine dieser Gruppe einer Meinung. Aus diesem Grund fordert Largo übrigens dezidiert: «Freie Schulwahl für alle.»

Doch auch hier blockt die Diskussion total ab. Das Thema Privatschulen lässt die Podiumsteilnehmer verstummen, erstarren. Warum die Angst vor Privatschulen so gross ist, kann ich mir nicht schlüssig erklären.

Die Diskussion drehte sich lange um Largos Aussage am Ende seines Referats («Noten bringen gar nichts»). Dazu sagte Erwin Beck (PH SG): Noten führten zu falschen Vergleichen. Es müsste der eigene Fortschritt gemessen werden und nicht sein Wissen und Können mit den anderen Kindern verglichen werden. Kinder müssten erfahren können, wo sie sich verbessern könnten.

Toll, dem stimme ich voll zu! Das macht Hoffnung. Oder doch nicht? Immerhin ist Beck Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Beck macht die Hoffnungen aber gleich wieder zunichte: An der PH SG habe man für eine gewisse Zeit auf Noten verzichtet, berichtet er. Was dabei herauskam? Die frisch gebackenen Lehrpersonen hatten Schwierigkeiten einen Job zu finden! Das war den Schulen zu wenig transparent. Also führte man die Noten wieder ein.

Niemand will Noten – alle wollen Noten

Esther Girsberger fand, Kinder wollten sehr wohl benotet werden und damit wissen, wo sie stünden.

Es meldeten sich auch Lehrerinnen und Eltern aus dem Publikum zu Wort. Eine Lehrperson sagte, die Eltern forderten Noten. Der Schulpräsident von Rapperswil-Jona sagte, auch die Politik (gewisse Parteien) forderten Noten.

Ein Noten-Ping-Pong-Spiel sondergleichen. Das Fazit zum Schluss der Diskussion: Niemand will Noten – alle wollen Noten.

Persönlich denke ich, Noten sind in der Oberstufe angebracht. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich es nicht anders kenne. Ich sehe aber keinen Sinn darin, Kinder in der Primarschule mit Zahlen zu bewerten. Ich bin gespannt, wie unser Zweitklässler zu Beginn des kommenden Jahres auf seine ersten Noten reagieren wird. Was werden ihm diese Noten sagen? Werden sie ihn belohnen, motivieren, belasten oder ihm schlicht egal sein? Und: Wie werden wir Eltern auf diese Noten reagieren?

Nun freue mich auf die Lektüre von «Lernen sichtbar machen«. Übrigens: Largos «Schülerjahre» ist auch absolut empfehlenswert.

«Der Mensch ist nicht seines eigenen Glückes Schmid»

Potenziale kann man nicht alleine entfalten, dafür braucht es Begegnungen mit anderen Menschen. Das sagt der Hirnforscher Gerald Huether im Juli 2013 am Bildungskongress von Schulen der Zukunft in Zürich.

Huethers Vortrag «Was wir sind und was wir sein könnten» berührt mich, manchmal auch peinlich. Es geht dabei nicht nur um Kinder, Eltern, Schulen – es geht um uns alle.

Knapp neunzig Minuten zuhören, nachdenken, sich inspirieren lassen – und teilen. Toll.

Auf kapazunda.com (Plattform für neue Denker) sind auch alle anderen Vorträge des Bildungskongresses 2013 aufgestaltet.

Eltern sind schlechte Vorbilder – für potenzielle Eltern

Text: Carla Schubert

Kürzlich erschien in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) der Artikel „Die Überforderung der Kindheit“ – geschrieben von Nils Minkmar, Feuilletonchef der Zeitung.

Schon den Einstieg in die Geschichte fand ich seltsam. Da wird beschrieben, in der Kindheit müsse derzeit alles perfekt sein und dies schrecke potenzielle Eltern ab. Liest man weiter, werden Eltern regelrechte Ohrfeigen ausgeteilt – zumindest mir erging es so. Das Beste für das Kind, eine makellose Schulzeit, eine perfekte Kindheit – das sei zu einer kollektiven Zwangsvorstellung geworden, schreibt der Autor. Deshalb könnten sich heute viele Erwachsene nicht durchringen, selber Kinder zu haben.

Eltern heute sind also schlechte Vorbilder – nicht etwa für ihre Kinder, sondern für potenzielle Eltern. Das muss erst einmal verdaut werden.

Danach folgt in dem Artikel eine Aufzählung, was bei der Kindererziehung alles falsch läuft, wo und wie sich Eltern heute deplatziert verhalten. Es fängt demnach schon im Sandkasten an. Der Autor gibt ein paar gekonnt beschriebene, doch total klischierte Beispiele zur Kostprobe.

Eine Umfrage in seinem Freundes- und Bekanntenkreis lässt ihn zudem den Schluss ziehen: Erstaunlich viele Leute kämen aus windschiefen Verhältnissen und seien trotzdem zu ganz geraden Menschen herangewachsen. Was soll das konkret heissen? Eltern, lasst locker? Ihr könnt Euch auch nicht um Eure Kinder kümmern, sie werden trotzdem gut rauskommen? Irritierend finde ich das. Ich frage mich, warum der Feuilletonchef nicht direkt mit Eltern gesprochen hat, beispielsweise gerade mit jenen, die ohne Strümpfe und Schuhe neben ihren Kindern im Sandkasten hocken, wie er kritisiert? Warum hat er sie nicht gefragt: Was tun Sie hier und warum tun Sie es? Er hätte aber auch fragen können: Wie geht es Euch? Warum tut ihr jenes so und nicht so? In dem Artikel kommen Eltern nicht zu Wort. Schade. Müsste da nicht auf Augenhöhe diskutiert werden? Oder mindestens das Interesse daran bestehen, herauszufinden, warum heute vieles offenbar so schräg läuft?

Schade finde ich diese kollektive Beschuldigung: Eltern sind schuld, weil sie es zu gut meinen mit ihren Kindern. Weil sie sie zu guten Leistungen in der Schule anspornen. Weil sie vielleicht Angst haben, ihre Kinder könnten es dereinst in unserer Leistungsgesellschaft nicht schaffen. Müsste hier nicht die Gesellschaft als Ganzes an der Nase genommen werden? Wer hat dieses System erfunden? Die Eltern?

Dann frage ich mich auch: Welche Kinder, beziehungsweise heutigen Erwachsenen, beklagen sich denn darüber, ihre Eltern hätten zu viel gewollt? Wo ist diese Bewegung? Oder ist dies am Ende eine reine Annahme? Oder geht es darum: Früher war es besser, da war die Welt noch in Ordnung? Dann müsste man vielleicht auch die Lehrpläne vergleichen. Was mussten Kinder in der 7. Klasse in den 1980er-Jahren leisten und was 2013?

Der Artikel ist mit über 40 Kommentareinträgen auf reges Interesse gestossen. Ein Kommentator schreibt: „Hut ab. Sehr guter Artikel, der Eltern auch ganz gut einen Spiegel vorhält.“ Eine Mutter wehrt sich hingegen: „Ja, es gibt furchtbar schlechte und furchtbar gute Eltern. Beides ist verwerflich. Der grösste Teil ist ganz normal – nur ohne jede Stimme.“

Die Frau bringt es auf den Punkt. 

Hirntechnisch ist Langeweile das Beste, was einem Kind passieren kann. Nur aus der Langeweile heraus entwickelt es selbst seine eigenen, kreativen Ideen.

Gerald Huether, Neurobiologe